In Verbindung mit uns selbst
Wie queere Selbstfürsorge aussehen kann
"Selbstfürsorge" - ein Begriff, der (wie "Achtsamkeit") zum Konsumprodukt verkommen ist. Duftkerzen, Augenpads, Nahrungsergänzungsmittel. Dabei ist Selbstfürsorge gerade nicht noch ein Ding, dass wir kaufen kaufen kaufen können, sondern ganz im Gegenteil ein Mittel des Widerstands in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, in der Ausbeutung und Selbstausbeutung Hand in Hand gehen. Oder mit den Worten von Audre Lorde: "Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.” („Mich um mich selbst zu kümmern ist kein Luxus – es ist Selbsterhaltung, und das ist ein Akt politischen Widerstands.“)
Was bedeutet Selbstfürsorge eigentlich
Gerade für queere und neurodivergente Menschen ist es deshalb wichtig, echte Selbstfürsorge zu lernen. Denn für viele fühlt sie sich fremd an: sie haben gelernt, ihre Bedürfnisse kleinzuhalten. Sie funktionieren, passen sich an, vermeiden Konflikte. Besonders queere Menschen, die früh gespürt haben, „anders“ zu sein, entwickeln oft Strategien, um sicher zu bleiben – nicht unbedingt, um sich wohlzufühlen. Selbstfürsorge bedeutet, diese Strategien liebevoll zu erkennen – und Stück für Stück durch etwas zu ersetzen, das wirklich nährt.
Selbstfürsorge ist keine To-do-Liste, sondern eine Haltung.Sie bedeutet, mit sich in Beziehung zu treten – auch mit den Anteilen, die verletzt, müde oder wütend sind. Ich möchte dir ein paar Anregungen bieten, wie das konkret aussehen kann:
1. Körperliche Selbstfürsorge
Der Körper ist für viele queere Menschen mit und ohne ADHS und/oder Autismus-Spektrum ein ambivalenter Ort. Vielleicht wurde er beschämt, kommentiert oder unsichtbar gemacht. Selbstfürsorge heißt hier: dich wieder zu spüren – zu deinen eigenen Bedingungen.
Das kann heißen:
- dich zu bewegen, weil es sich gut anfühlt, nicht weil du „musst“
- achtsam zu atmen, wenn du Anspannung merkst
- deinen Körper liebevoll wahrzunehmen, ohne ihn zu bewerten
Manchmal beginnt das ganz klein – mit einem tiefen Atemzug und der inneren Erlaubnis: „Ich darf da sein.“
2. Emotionale Selbstfürsorge
Selbstfürsorge bedeutet auch, deinen Gefühlen Raum zu geben, ohne sie zu verurteilen.
Traurigkeit, Wut, Erschöpfung – all das sind nicht deine „Fehler“, sondern Hinweise. Sie zeigen, wo etwas zu viel war, wo du dich verloren hast oder wo du mehr Halt brauchst.
Du kannst dich fragen:
- Was fühle ich wirklich gerade – jenseits dessen, was ich fühlen sollte?
- Was brauche ich, wenn ich mich so fühle?
- Wem kann ich mich so zeigen, ohne mich erklären zu müssen?
Selbstfürsorge kann auch heißen: einfach zu sagen „Heute nicht.“ – und das als legitimen Satz zu akzeptieren.
3. Mentale Selbstfürsorge
Mentale Selfcare heißt, bewusst mit deinen inneren und äußeren Reizen umzugehen.
Das kann beinhalten:
Nachrichten- oder Social-Media-Pausen
- sich erlauben, nicht auf jede Diskriminierung zu reagieren, um Kraft zu sparen
- liebevolle Grenzen gegenüber Menschen, die dein Sein in Frage stellen
Selbstfürsorge ist keine Flucht vor der Welt – sie ist eine Entscheidung, deine Energie klug zu schützen.
Von Selfcare zu Community Care
Selbstfürsorge ist wichtig – aber sie ist nicht alles. Viele queere Menschen erleben erst durch andere Queers echte Sicherheit, Zugehörigkeit und Heilung. Community Care bedeutet, dass wir uns gegenseitig halten, erinnern und stärken.
Das kann heißen:
- füreinander mitzukochen oder einfach präsent sein
- Erfahrungen zu teilen, um Isolation zu durchbrechen
- Räume zu schaffen, in denen niemand sich erklären muss
Wenn du für dich sorgst, stärkst du auch deine Fähigkeit, für andere da zu sein – auf eine Weise, die nicht aufopfernd, sondern verbunden ist.
Eine kleine Reflexion für deinen Alltag
Setz dich für einen Moment hin, atme tief ein und frage dich:
- Was braucht mein Körper heute?
- Was braucht mein Herz heute?
- Was braucht mein Geist heute?
Schreib die Antworten auf oder sprich sie laut aus.
Oft reicht schon das Wahrnehmen, um dich mit dir selbst zu verbinden.
Fazit: Queere Selbstfürsorge ist radikale Liebe
Queere Selbstfürsorge bedeutet, sich selbst in einer Welt zu lieben, die das nicht immer tut.
Sie ist weich und klar zugleich – ein Raum, in dem du dich selbst ernst nimmst.
Vielleicht ist das Wichtigste dabei: Du musst es nicht perfekt machen.
Selbstfürsorge darf unordentlich, intuitiv und wandelbar sein – so wie du selbst.